Stimmen, die aus dem Sand kommen

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Kurzrezension zu Antonio Tabucchi: Es wird immer später

In der Zeitung, in welcher der gerade gekaufte Salat eingewickelt war, entdeckt man plötzlich ein Foto, einen Text, in dem es um das Enkelkind einer Frau geht, die man einst liebte. Die Erinnerungen werden wach, und man beginnt, einen Brief zu schreiben, einen Brief, den man nie verschicken wird, in dem man aber seine Geschichte erzählt. „Es wird immer später“ ist eine Sammlung solcher Briefe.

Der 7-Jahre-später-Brief, der nie Versandte, der Brief, den man eines Tages schreiben wollte – sie alle kommen zu spät und zeugen von einer verlorenen, verspielten, gescheiterten Liebe. Von einem „richtigen Leben“, das man nicht zu wählen wusste. Von einem Jetzt, das um die Vergangenheit kreist. Die Vergangenheit ist unwiederbringlich verloren, und doch lässt sie einen nicht los. Oder man will ihr gar nicht erst entkommen. Die Frau, an die man schreibt, der man gerne schreiben würde, ist fern, gehört längst einem anderen oder ist nicht mehr am Leben.

Aus einer „zerbrochenen Zeit“ heraus schreibend, lebt man die Erinnerung, die sich mit Phantasie mischt. „Zerbrechlich, aber stark“ sind die Figuren, die gegen Sinnlosigkeit ankämpfen, und doch wissen, wie sinnlos selbst dieser Kampf ist. Und doch kann man den Sinn manchmal darin finden, längst entwichene Stimmen und Töne in einem „bodenlosen Korb“ einzusammeln.

Kann man auch das Leben abschütteln wie den Regen, fragt einer der Briefschreiber. Wenn es in diesem Buch eine Botschaft gäbe, würde sie wahrscheinlich so lauten: Die Phantasie ist präziser als die Erinnerung, unsere Toten lebendiger als die Lebenden und die Liebe immer schon verloren. Die seltenen Augenblicke des Glücks können einen trösten, aber auch verfolgen wie ein Alptraum. Freude liegt in den einfachen Dingen, wie einer Mahlzeit aus Oliven, Käse und Melone. Die Sterne sind manchmal zum Greifen nah, aber es ist der Boden, auf den man achten muss – das Leben zwingt uns dazu.

Das Leben, das (mit uns) spielt. Das Buch geizt nicht mit Pessimismus und Gesellschaftskritik, bis man „ein mea culpa, heiß mit Milch, bitte!“ bestellt. Es spielt aber auch, mit Worten, mit Bildern, mit Traum und Wunsch. Nicht alles ist verloren, solange man beobachten kann, wie sich die kondensierte Atemluft beim Singen draußen im Winter in „Puccinis musikalische Ideogramme“ verwandelt.

Karge Landschaften und üppige Worte kennzeichnen dieses Buch, in dem jeder der Briefe eine eigene Atmosphäre hat. Nicht alle Briefe sind gleich gelungen. Den etwas bizarren „Casta Diva“ kann man z.B. getrost überspringen. Dafür bietet sich der Rest einer mehrfachen Lektüre umso mehr an.

„Roman in Briefform“ lautet der Untertitel. Tatsächlich richten sich 17 männliche Stimmen an genauso viele Frauen. Ein letzter Frauenbrief antwortet unerbittlich auf sie alle. Der zeitliche Zusammenhang fehlt nicht, er ist einfach nicht vorhanden, genauso wie jener des Ortes. Jeder Brief kann als eine selbstständige Geschichte gelesen werden. Und doch gibt es Fäden, die man verfolgen kann und sollte, damit aus dem Ganzen eine Sinfonie entsteht. Ein paar Worte, eine Phrase, kurze Beschreibungen, die sich wiederholen, so dass sich bald das Gefühl eines merk-würdigen déjà-lu einstellt, und man fieberhaft zurückblättert, um sich des Geschriebenen zu vergewissern.

Ein kleines Labyrinth der Worte. Und der Gefühle. Mal zärtlich, mal bitter, diese Stimmen, von der „Melancholie in der Bewegung“ getragen. Voller Erinnerungen an Bücher, die man nicht geschrieben, und an Reisen, die man nie unternommen hat. Wie an diejenige nach Samarkand, während der man so oft vor Schönheit sterben wollte oder es auch tat. Wie bei der Lektüre dieses Buchs, das sich an diejenigen richtet, die sich „vom Zufall treiben lassen“, an Flaneure, an Schlaflose.

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